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// Ulli von „Breathe. Smile. Move“ über Yoga, Entscheidungsfreiheit und Vertrauen in die Zukunft // „Alles in meinem Leben musste vermutlich genau so sein.“ //

23. Oktober 2016
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Ich möchte auf meinem Blog nicht nur über mich schreiben und die Abenteuer, die ich erlebe, über das, was mich bewegt, sondern auch über die Menschen, die mich bewegen und inspirieren. Ich finde es wichtig, sich gegenseitig zu bestärken und zueinander aufzuschauen, in einer Welt, in der viel Konkurrenzdruck herrscht und viele Menschen sich nur gut fühlen, wenn sie andere klein machen. Ich möchte andere Menschen groß machen, sie zeigen in ihrer ganzen Großartigkeit und meinen Blog zu einem Ort machen, an dem echte Geschichten erzählt werden und Stärke weitergereicht wird, nicht Schwächen hervorgehoben.

Ich bin stolz und glücklich, dass ich mein erstes Interview für naked and alive mit einer Frau führen durfte, die nicht nur sehr schlau, lebenserfahren und lebensfroh ist, sondern auch wahnsinnig mutig, denn sie gab ihren Job als Naturwissenschaftlerin auf, um ihrer Leidenschaft nachzugehen: dem Yoga.
Ganz nebenbei studiert sie noch Psychologie, einfach so, weil es ihr Spaß macht, wandert zwischendrin Etappen des Jakobswegs und ist zufällig meine Cousine. Mensch, habe ich ein Glück, solche tollen Leute in meinem Leben zu haben. Aber lest selbst…


Liebe Ulli, du bist promovierte Naturwissenschaftlerin und hast viele Jahre in der Krebsforschung gearbeitet, wurdest sogar für deine Forschung ausgezeichnet, und dennoch hast du dich für ein Leben abseits der Wissenschaft entschieden und bist heute Yoga-Lehrerin. Ich finde deine Geschichte wahnsinnig spannend und inspirierend. Erzähl mir ein wenig über deinen beruflichen Werdegang…

Hallo, Leo, es freut mich immer wieder, dass Menschen meinen Weg inspirierend finden und vielleicht für ihr eigenes Leben etwas daraus mitnehmen können, ganz egal, wo ihr Weg sie hinführt.

Ich glaube, dass es für mich letztendlich hilfreich war, dass ich nie wirklich feste Vorstellungen und Ziele für mein Leben hatte; eine Tatsache, die zu Schulzeiten allerdings nicht wirklich als hilfreich anzusehen war. Mein Abitur machte ich letztendlich deswegen, weil ich ja eh schon auf der Schule war und es nicht allzu schlecht lief und es ja auch irgendwie erwartet wurde. Und als das dann fertig war, musste halt wieder ein Weg eingeschlagen werden. Aus recht fadenscheinigen Gründen – ich fand damals alle möglichen Dokus über Tiere, Menschen, die Natur und das All im Fernsehen interessant genug zum Gucken – entschied ich mich also zum Studium der Biologie, obwohl ich dieses Fach bereits in der 11. Klasse abgegeben hatte; ich fand den Lehrer unerträglich. Und dann kamen eben Diplom und Doktorarbeit in der Forschung, die mich wirklich sehr fasziniert hat, die nie langweilig wurde. Es galt Probleme zu lösen und kreative Ideen zu finden, wie man etwas Bestimmtes „herausfinden“ könnte. Es war immer wieder interessant zu schauen, was andere so machen und wie man deren Expertise mit einbinden oder sich austauschen konnte.

In meinem jetzigen Job beschäftige ich mich mit Menschen in Bewegung – das ist eine Wissenschaft für sich.

Was waren deine Gründe dafür, einen ganz anderen Weg einzuschlagen?
Ich kann sagen, dass mich letztendlich die mit der Arbeit verbundenen äußeren Bedingungen, in meinen Augen oft eingefahrene Strukturen, dazu brachten, die Forschung zu verlassen. Ich fühlte mich entweder ferngesteuert, überlastet oder ausgebremst. Auf Dauer hat mich das ziemlich fertig gemacht.
Eine schwere Borreliose, mit der ich unglaublich lange „rummachte“ und die mir auch klar machte, dass Arbeit nicht alles ist, trieb mich dazu, wieder selbst ein bisschen Yoga zu praktizieren. Ich merkte, wie mir das irgendwie guttat und da wollte ich dann einfach mehr drüber wissen. Noch während meines Vollzeitjobs begann ich dann vor 7 Jahren meine erste Yogalehrer-Ausbildung an sehr vielen Wochenenden so nebenbei; zunächst tat ich das nur für mich selbst. Die meisten in meinem Umfeld hielten mich da schon für sehr bekloppt. Mehr als Vollzeitjob und dann noch eine 200-Stunden-Ausbildung nebenbei, „Du bist doch eh schon so gestresst, wieso tust Du Dir das noch an?“, wie soll das gehen?
Es ging. Und es tat mir unglaublich gut. Und es war gänzlich unwissend der Einstieg in ein ganz anderes Leben.

Ist diese Entscheidung dir sehr schwer gefallen und hattest du keine Bedenken?
Natürlich hatte ich Bedenken und Zweifel, ob das, was ich da vorhabe, auch klappt. So habe ich es tatsächlich Schritt für Schritt angegangen – im Rückblick wirkt es geplant, war es aber nicht; es hat sich mal wieder alles so ergeben. Nach der Ausbildung unterrichtete ich neben meinem Vollzeitjob 1-2 Stunden pro Woche. Dann ging ich vor fünf Jahren für ca. zwei Jahre auf Teilzeit und unterrichtete weiter ein bisschen nebenbei und genoss hier schon sehr dieses andere Leben, hatte anfangs aber große Existenzängste. Seit mehr als drei Jahren bin ich nun komplett selbständig, und interessanterweise war dieser letzte Schritt der, der mir am wenigsten Angst und am meisten Freude machte.
Ich habe das große Glück, dass ich Menschen aus der Familie und dem Freundeskreis um mich habe, die mich bei meinen Entscheidungen und auf meinem Weg unterstützt haben und es immer wieder tun, wenn es mal nötig ist, denn auch in diesem Beruf ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen; auch dieser Job beinhaltet ein Business und Arbeit, auch wenn es sich für mich meist nicht so anfühlt.


„Ich tue das, was ich tue, weil ich es tun möchte.“


Wie lebst du heute? Was macht deinen Beruf für dich aus?
Ich tue das, was ich tue, weil ich es tun möchte.
Wenn man mal die Erkenntnis hat, dass man immer eine Wahl hat, dann ist das schon sehr viel wert. Es braucht dann halt noch ein bisschen Mut oder Wahnsinn, um etwas zu verändern, wenn man sich in einer Situation nicht mehr wohlfühlt und man weder die Situation noch seine Einstellung dazu ändern kann.

Ich habe tatsächlich mein Hobby zum Beruf gemacht. In Forschungszeiten waren mir die Menschen, für die ich etwas Gutes tat mit meiner Forschung, irgendwann zu weit weg; das waren nur Punkte in Diagrammen. Mit dem Unterrichten von Yoga, Rücken- und Faszientraining bin ich ganz nah am Menschen dran. Da kann ich interagieren, ganz dynamisch anpassen und so steuern, wie es gerade für mich und die Gruppe oder den Menschen passt. In meiner Arbeit kann ich nach wie vor kreativ sein, aber viel freier. Das gibt mir unglaublich viel Zufriedenheit.

Was bedeutet Yoga für dich und was rätst du Menschen, die auch einsteigen möchten?
Yoga ist für mich zum einen ein Lebensprozess, in dem man sich, seine Denk- und Verhaltensmuster und seine Art zu leben immer wieder neu betrachtet und adjustiert. So wirst Du mehr Du selbst, zufriedener und ganz bestimmt auch dankbarer, also letztendlich freier. Und das wirkt sich zwangsläufig auch positiv auf Dein Umfeld aus. Yoga ist zum anderen für mich eine sehr schöne Form der Bewegung, in der ich meinen Körper, mein Befinden, also mich sehr gut spüren und, wenn ich möchte, mich ganz neu ausprobieren kann.

Wer neu zum Yoga kommt, sollte sich erst einmal fragen, wonach er sucht, also ob es eher sportlich oder eher entspannter zugehen soll, und dann gezielt ein paar Studios und Lehrer ausprobieren. Yoga ist mittlerweile eben nicht gleich Yoga, und jeder Lehrer unterrichtet auf seine individuelle Art und Weise. In der Regel wird man in den Studios gut beraten. Man sollte nicht gleich nach der ersten oder zweiten Yogastunde aufgeben. Es gibt so viele Yogalehrer, dass man ganz sicher einen findet, bei dem man merkt, „Ja, das ist es!“. Jeder findet sein Yoga, wenn die Zeit dafür reif ist.

Yoga – Sport oder Lebenseinstellung?
Heutzutage gibt es ein sehr breites Angebot an Yoga. Du kannst alles haben, von langem Sitzen und Meditieren bis hin zu Stunden, die voller akrobatischer Übungen sind. Letztendlich entscheidet jeder für sich selbst, was er möchte und was er aus dem Begriff „Yoga“ für sich selbst macht.
Dennoch empfehle ich jedem, der sich mit Yoga beschäftigt, mal in die alten Schriften hineinzuschauen. Auch wenn sie um die 2000 Jahre alt sind, sind sie doch hoch aktuell, was zeigt, dass die Menschen damals offensichtlich schon mit ganz ähnlichen Themen beschäftigt waren. Mein Favorit ist „Das Yoga Sutra des Patanjali“, ein Yogaleitfaden, der für mich eher als Lebensleitfaden bedeutend zu mehr Gelassenheit beigetragen hat und mir auf meinem Weg hierher sehr geholfen hat.


„Rückblickend kann ich tatsächlich sagen: Ja, alles in meinem Leben musste vermutlich genau so sein, wie es war, alle Hochs und alle Tiefs, damit ich genau hierhin gekommen bin…“


Für mich bist du ein Paradebeispiel dafür, dass man sich sein Leben genau so gestalten kann, wie man es möchte, deshalb würde ich gern über das Thema alternative Lebensmodelle mit dir sprechen. Du hast ja für dich persönlich eine Alternative zum vorgefertigten Weg gefunden, würdest du rückblickend sagen, diese Wahl war richtig oder vemisst du manchmal dein Labor?
Ich habe – und das wunderte mich manchmal selbst – zu keinem Zeitpunkt das Labor und die Forschung vermisst. Vermutlich war das schon ein Zeichen, dass einfach alles richtig gelaufen ist, so wie es gelaufen ist.
Rückblickend kann ich tatsächlich sagen: Ja, alles in meinem Leben musste vermutlich genau so sein, wie es war, alle Hochs und alle Tiefs, damit ich genau hierhin gekommen bin; hier fühle ich mich wohl, hier kann ich sehr viel freier Entscheidungen treffen und mir meine Arbeit so einteilen, wie ich es für mich für gut empfinde.

Vor eineinhalb Jahren habe ich sogar nebenbei noch ein Psychologie-Studium begonnen. Es ist zwar nicht ganz einfach, sich neben der Selbständigkeit noch zum Lernen zu motivieren, aber die Themen waren und sind für mich so interessant, dass es wiederum so viel Spaß macht, dass ich weitermache. Ich denke, dass bei mir der Einstieg in die mentalen Prozesse wesentlich durch die alten Yogaschriften begründet ist. Der Mensch ist für mich eben nicht nur auf körperlicher, sondern vor allem auch auf mentaler Ebene unglaublich spannend. Da möchte ich mal wieder einfach mehr drüber wissen.

Ich möchte nicht ausschließen, dass ich jemals wieder in die Forschung gehe, aber zur Zeit kann ich es mir einfach überhaupt nicht vorstellen. Ich fühle mich einfach zu sehr genau richtig hier, wo ich jetzt gerade bin.

Hast du ein Rezept, wie man sich vom gesellschaftlichen Druck löst und es schafft, wirklich frei zu leben?
Frage Dich einfach immer mal wieder: Tue ich das, was ich tun möchte, oder tue ich das, weil „man das eben so macht“ oder es von mir erwartet wird? Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte, wenn ich…? Das Leben ist zu kurz, um…? Manchmal hilft vielleicht auch einfach ein schnödes „Es ist wie es ist“, um etwas anzunehmen, und wenn ich es nicht annehmen kann, dann muss ich es eben verlassen oder ändern.
Man sagt ja, dass Sterbende am meisten die Dinge bereuen, die sie nicht getan haben in ihrem Leben. Also habe ich mir anfangs immer wieder gesagt, „Ulli, tu es! Am Ende kannst Du zumindest sagen: Wenigstens habe ich es probiert.“
Ich finde, dass jeder Mensch so viel Potential in sich trägt, da wäre es doch schade, wenn man sein Leben lang nur einer Tätigkeit nachgeht.

Wir hatten mal ein Gespräch über Partnerschaft und Kinder, das mich sehr bewegt hat – du lebst allein, hast dich entschieden, keine Kinder zu bekommen und gehst damit sehr offen um. War das auch eine bewusste Entscheidung gegen gesellschaftliche Normen und für mehr Freiheit, hat das was mit Feminismus zu tun oder hat es sich schlichtweg so ergeben?
Dieses Thema hätte ich selbst tatsächlich nicht mit Gesellschaft, Normen oder Feminismus in Zusammenhang gebracht. Ich kann gut und sehr gern mit mir allein sein und mit mir allein leben, aber ich kann auch – wenn es passt – sehr gut mit einem anderen Menschen zusammen leben. Allerdings benötige ich auch dann ein gutes Maß an Zeit ganz für mich allein. Ich sehe mich auch in einer Partnerschaft als eigenständiges Wesen, das an sich schon komplett ist, aber sehr durch andere bereichert wird.
Dass ich keine Kinder haben möchte, war mir eigentlich schon immer klar bzw. ich formuliere es andersrum: Mir kam nie in den Sinn, Kinder kriegen zu wollen. Ich habe mich nie als Mutter gesehen.
Ich bewundere Mütter und Eltern, die Kinder auf eine ganz natürliche, lockere und offene Art und Weise großziehen. Und gleichzeitig erschrecken mich Mütter und Eltern, die sich komplett für den Nachwuchs aufgeben und darüber vielleicht sich selbst und ihre Bedürfnisse aus den Augen verlieren.
Kinder sind schon sehr interessant, so wie erwachsene Menschen auch, nur eben noch ganz anders. Ich denke, ich könnte, wenn der Partner Kinder hat, mit ihnen zusammen leben, mehr in der Rolle als gute Freundin, auch wenn die Verantwortung ziemlich die gleiche wie bei einer Mutter wäre.


„Egal, was ist, solange ich atmen kann und ich es bewusst spüre, lebe ich.“


Was inspiriert und motiviert dich? Hast du ein bestimmtes Mantra, etwas, an das du glaubst oder Lebensregeln, an denen du dich orientierst?
„Breathe. Smile. Move.“, das habe ich zu meinem Mantra gemacht. Egal, was ist, solange ich atmen kann und ich es bewusst spüre, lebe ich. Und ich kann einfaches Atmen tatsächlich sehr genießen. Ein kleines Lächeln hat schon manche Barriere gebrochen, innerlich und äußerlich. Alles ist im Fluss: wir selbst, unser Leben, unser Umfeld, die Natur. Alles ist in Bewegung, und gerade wenn man feststeckt, ist es gut, sich wieder in Bewegung zu setzen. Und manchmal ist es einfach komplett ausreichend, entspannt zu liegen und die Bewegung der eigenen Atmung zu spüren.

Von meinen koreanischen Yogalehrern hörte und höre ich immer wieder den Satz „Alles geht vorbei.“, gleichermaßen eine frohe und eine nicht so frohe Botschaft, dieser Satz hat für mich zunehmend an Bedeutung gewonnen. Wenn man sich öfter mal sagt, dass auch das vorbeigeht, kann man es entweder lockerer nehmen und durchstehen oder noch mehr genießen und auskosten. Letztendlich hilft es, bewusster zu leben.

Was bedeutet Glück für dich?
Glück ist für mich, dass ich glaube, dass nicht mir etwas passiert, sondern etwas für mich passiert. Dadurch habe ich ein gewisses Vertrauen in die Zukunft, dass auch auf meinem weiteren Lebensweg alles genau richtig sein wird. Ich versuche, mit dem glücklich zu sein, was ich habe und was ich kann. Und wenn ich das nicht mehr sein sollte, dann ändere ich etwas. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein „Sensemaker“, jemand, der aus guten und nicht so guten Erfahrungen etwas Positives ziehen kann, aber dann ist das mein Glück.

Da ich ja sehr viel reise und auch verstärkt darüber schreiben möchte, eine abschließende Frage zum Thema Reisen: Was bist du für ein Reisetyp und hast du den ultimativen Tipp für die perfekte Yogareise?
Ich habe schon Diverses gemacht: Von Campingplatz bis Nobelhotel, von Alleinreisen bis geführte Gruppentouren, von Wellness bis Pilgern. Ich könnte mir auch einen Urlaub auf dem Ponyhof vorstellen. Oder was hältst Du von einer gemeinsamen Tour in Deinem neu erstandenen Bulli?

Jederzeit, liebe Ulli. Danke für dieses ausführliche, aufrichtige und inspirierende Interview!
Wenn ihr gern mehr über Ulli erfahren möchtet, ihre Kurse oder Workshops besuchen wollt oder mit ihr in Kontakt treten, dann besucht doch ihre Seite www.breathe-smile-move.de!

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1 Comment

  • Reply Oliver 23. Oktober 2016 at 12:50

    Tolles und interessantes Interview!

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